Eben entdeckt.
So schön war's früher als es noch schön war, heute gibt es ja nichts Schönes mehr:
Spoiler
Herf ist heute, 80 Jahre nach Ende der Naziherrschaft, weitgehend vergessen. Obwohl er als Chefankläger in den bayerischen Entnazifizierungsverfahren spektakuläre Prozesse gegen prominente Verbrecher und Profiteure des Nazisystems führte. Doch 1950 wurde Herf Opfer einer Rufmordkampagne, die seine Karriere zerstörte.
Herfs Geschichte lässt sich anhand seiner Personal- und Spruchkammerakten und in vielen Gesprächen rekonstruieren. Es entsteht das Bild eines Mannes, der bereits als Jurist in der Weimarer Republik gegen die Nationalsozialisten arbeitete. Und später als Chefankläger dazu beitrug, dass viele NS-Verbrechen juristisch aufgearbeitet wurden.
Um zu verstehen, warum der alte Herf in seinem Ohrensessel so empört ist, muss man auf den Anfang seiner Geschichte blicken. Nach Berlin am Ende der Weimarer Republik.
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Dorthin war Julius Herf nach seinem Jurastudium in München gezogen, um für das Reichsjustizministerium zu arbeiten.
Am Abend des jüdischen Neujahresfestes am 12. September 1931 überfallen auf dem Kurfürstendamm junge Männer Passanten, die sie für Juden halten. Sie schlagen sie ins Gesicht, treten sie mit den Füßen, grölen „Juda verrecke – Deutschland erwache“.
Die etwa 500 Männer gehören überwiegend zur SA, der Kampftruppe der NSDAP. Nach zwei Stunden hat die Berliner Polizei die Lage wieder im Griff und nimmt Dutzende Täter fest.
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Gegen 33 Schläger werden kurz danach zum Teil hohe Gefängnisstrafen verhängt.
Julius Herf, damals 30-jähriger Staatsanwalt, übernimmt die Anklage gegen den Mann, den er – neben dem Berliner Gauleiter Joseph Goebbels – für den Drahtzieher der pogromartigen Übergriffe hält: Wolf-Heinrich Graf Helldorff. Doch Helldorff, vertreten von seinem Anwalt Roland Freisler, kommt in zweiter Instanz lediglich mit einer kleinen Geldstrafe davon. Zu groß war der Einfluss der Rechten auf die Justiz da bereits geworden.
Zwei Jahre später, 1933, reißt Hitler die Macht an sich. Während nun viele von Herfs Kollegen in den Gerichten und Staatsanwaltschaften in die NSDAP eintreten, verweigert Herf die Mitgliedschaft. Dabei ist Herf kein Linker, der aus ideologischer Überzeugung heraus so handelt. Er war selbst vor seiner Berliner Zeit jahrelang Mitglied der rechtskonservativen und monarchistischen DNVP, die im Laufe der Zeit immer mehr ins Völkische driftete und der NSDAP zur Mehrheit im Reichstag verhalf.
„Meine hochverehrten Kollegen sind fast alle Parteimitglieder geworden, soweit sie es nicht schon vorher waren"
Im kleinen Schwabinger Arbeitszimmer ist es mittlerweile später Nachmittag. Rauch hängt in der Luft. Herf hat die Heizung aufgedreht und die Fenster geschlossen. Er ist nicht mehr gut zu Fuß und verlässt seine Wohnung kaum noch. Ohne seine langjährige Haushälterin Hilde geht nichts mehr. Doch Herfs Gedächtnis funktioniert noch einwandfrei. Genauso wie sein Sarkasmus. Er erzählt dem Journalisten Dumanski, wie sich die Machtergreifung auf den Justizapparat in Berlin auswirkte:
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„Meine hochverehrten Kollegen sind fast alle Parteimitglieder geworden, soweit sie es nicht schon vorher waren. Teils aus Opportunismus, teils aus schierer Feigheit, teils aus Existenzangst, weil sie natürlich wussten, dass sie rausfliegen. Teils aus Überzeugung.“
Herf wird im Januar 1936 also „rausgeschmissen“, wie er sagt. Jedoch erzählt er dem Journalisten an diesem Tag nur die halbe Wahrheit. In den wissenschaftlichen Publikationen, die sich mit Herf meist nur am Rand beschäftigen, sind sich die Autoren weitgehend einig: Herf sei im Verdacht gestanden, homosexuell zu sein. Deshalb hätten die Nazis ihn loswerden wollen. Doch das lässt sich nicht mit den Akten belegen, die die SZ einsehen konnte. Die Nazis hatten Herfs Personal- und Spruchkammerakte zufolge etliche andere Gründe, den geachteten und gut vernetzten Staatsanwalt ausschalten zu wollen.
Nachdem Hitler also die Macht an sich gerissen hatte, wird der als Anti-Nazi bekannte Herf nicht mehr in politischen Angelegenheiten eingesetzt, sondern nur noch für „allgemeine Strafsachen von geringerer Bedeutung“ verwendet. 1934 beschwert sich die NSDAP-Gauleitung Berlins beim Reichsjustizministerium über ihn – er habe „Umgang mit rassefremden Personen“. Herf wohnt zu dieser Zeit als Untermieter bei der jüdischen Familie Anker. Herf erhält in der Folge einen Dienstverweis wegen „Umgangs mit Juden“.
Aus späteren Aussagen von Kollegen und Bekannten Herfs geht hervor, dass Herf zu dieser Zeit einen Mittagstisch aus Richtern und Staatsanwälten gründet, an dem nur Gegner des Regimes teilnehmen. Ein jüdischer Rechtsanwalt sagte in den späten 1940ern über ihn, dass er einen „unbestechlichen Gerechtigkeitssinn“ besaß und „zu den wenigen hohen Justizbeamten“ zählte, die sich auch nach 1933 im privaten wie im öffentlichen zu ihren jüdischen Kollegen bekannten. All das hätte vermutlich schon gereicht, um Herf als Staatsanwalt loszuwerden.
„Was, das Schwein ist immer noch da?“
Ausschlaggebend dürfte aber etwas anderes gewesen sein. 1935 verhilft er Jürgen Riel, einem Kollegen und Freund, zur Flucht. Dieser wurde von der Gestapo wohl absichtlich zu Unrecht als homosexuell diskreditiert. Herf wird wegen seiner Unterstützung zunächst vom Dienst suspendiert. Und dann schaltet sich auch noch der neue Polizeipräsident von Berlin in den Fall ein: Wolf-Heinrich Graf Helldorff. Der Mann, den Herf zwei Jahre zuvor wegen seiner Rolle bei den Übergriffen auf unschuldige Passanten angeklagt hatte. Er soll außer sich gewesen sein, als er von der Verwicklung Herfs erfährt. „Was, das Schwein ist immer noch da?“, soll Helldorf geschrien haben.
Doch Herf schafft es irgendwie, seine Rolle bei der Flucht Riels kleinzureden. Er wird 1936 wegen Verletzung seiner Dienstpflichten vom Reichsjustizminister in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Herf sucht sich danach Arbeit in der Privatwirtschaft. 1941 wird er als Soldat zur Wehrmacht eingezogen, dient unter anderem in einem Gefangenenlager in Norwegen und gerät später selbst in französische Kriegsgefangenschaft.
Das alles macht ihn für die US-Amerikaner 1946 wertvoll. Sie sehen in ihm einen glaubwürdigen Mann für die höhere Ebene der Spruchkammerverfahren. Er wird zum Chefankläger in den bayerischen Entnazifizierungsverfahren ernannt. Zwischen 1946 und 1949 klagt er die großen Namen aus der Nazizeit an. Den Großindustriellen und „Wehrwirtschaftsführer“ Günther Quandt, in dessen Batteriewerken Tausende KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter schuften mussten.
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Den „Reichsbildberichterstatter“Heinrich Hoffmann, den engen Freund und persönlichen Fotografen Adolf Hitlers, der bereits seit den frühen 1920er-Jahren das Bild erschuf, dass die Deutschen von ihrem „Führer“ haben sollten.
Auch gegen Adolf Hitler selbst führt Herf in einem Spruchkammerverfahren 1948 die Anklage.
Sein Nachlass sollte an den Freistaat Bayern gehen, dazu brauchte es eine Einstufung Hitlers in die Kategorie der Hauptschuldigen.
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Dem Freistaat ging es um die Reste von Hitlers mehrere Millionen Reichsmark schweren Privatkontos.
Und um die Rechte an „Mein Kampf“, dessen Tantieme der „Führer“ netto wie brutto einstrich, weil er sich als Diktator selbst von der Steuer befreit hatte.
Doch auch vermeintlich kleine Leute bekommen es mit Herf zu tun. So wie der ehemalige Hausmeister der Universität München, der zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt wird. „Ich erinnere mich an den Prozess gegen diesen Portier der Universität, der die Geschwister Scholl verpfiffen hatte. (…) Der Portier (… ) war ein vollkommen primitiver Mensch, hatte sich aber dann in einer Versammlung der Parteigenossen triumphierend vorgestellt (…) nachdem sie hingerichtet waren.“
Über all diese Prozesse wird damals breit berichtet. 1948 schreibt die New York Times über ihn, dass Herf sich „durch seine energische Verfolgung wichtiger Fälle einen beachtlichen Ruf“ erarbeitet habe.
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Doch der Staatsanwalt macht sich auch viele Feinde. Zumal sich das politische Klima langsam ändert. Die Deutschen fühlen sich weniger als Täter, sondern vielmehr als Opfer des Krieges. Die Entnazifizierungsverfahren sehen immer mehr Bürger als Schikane.
Herf erzählt das 1989 so: „Natürlich macht man sich durch diese Tätigkeit nicht beliebt, das war mir von vornherein klar und das muss man auf sich nehmen. Man hat mir dann Drohbriefe und alles Mögliche angehängt, das machte auf mich wenig Eindruck.“
Was Herf bei der Aufnahme als „alles Mögliche“ abtut, war eine systematische Rufmordkampagne. Herfs Karriere sollte öffentlich ruiniert werden. 1949 richtet ein einziger Mann innerhalb weniger Wochen mehrere Anzeigen und Beschwerden gegen Herf: Michael Graf Soltikow. Er adressiert diese Schreiben an den bayerischen Ministerpräsidenten, an den Justizminister und an die Münchner Staatsanwaltschaft. Die Vorwürfe gegen Herf sind ein bunter Strauß an Verleumdungen: Korruption, Unterschlagung von Beweismitteln, Begünstigung im Amt. In den Behörden wird dies anfangs noch als Versuch gesehen, Herf zu diskreditieren. Doch Soltikows Attacken erzeugen eine Art misstrauisches Grundrauschen. Und der Mann, der wie aus dem Nichts zu kommen schien, hört nicht auf.
In einer zweiten Welle zeigt Soltikow Herfs Vorgesetzte wegen Untätigkeit an, weil ihn diese nicht entließen. Anfang 1950 gibt er in München eine Zeitschrift heraus, die „Tatsachen“ heißt, jedoch inhaltlich mit ihrem Namen nur wenig zu tun hat. Darin behauptete Soltikow, dass Herf homosexuell sei und es 1936, im Zusammenhang mit dem von der Gestapo verfolgten Riel, deshalb ein Verfahren gegen ihn gegeben habe– was nachweislich nicht stimmt. Zusätzlich behauptet er, dass Herf auch in München und Oberbayern Kontakt zu Homosexuellen habe. Immer mehr Medien springen auf Soltikows Behauptungen auf und reproduzieren diese. Und aus dem Schneeball wird eine Lawine.
Am 23. Mai 1950, ein halbes Jahr nach den ersten Anschuldigungen, wird Herf von seinem Chef, Staatssekretär Camille Sachs, vorläufig seines Amtes enthoben. Wegen des bloßen Verdachts, homosexuelle Beziehungen zu haben. Der Hohe Kommissar der US-Amerikaner in Deutschland, John J. McCloy, setzt sich noch persönlich für Herf ein. In einem Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten Hans Ehard (CSU) bringt er seine Beunruhigung über diese Gerüchte zum Ausdruck und fordert ihn auf, die Angelegenheit prüfen zu lassen.
Ein paar Monate später kommen Strafermittlungen und ein Disziplinarverfahren zu dem Schluss: Die Anschuldigungen gegen Herf sind haltlos und unbegründet. Soltikow wird als bereits mehrfach verurteilter Hochstapler und Betrüger enttarnt. Der ehemalige SS-Standartenführer Walter Huppenkothen sagt bei einem Verfahren gegen Soltikow aus, dass dieser sich in den letzten Kriegsjahren freiwillig als Spitzel für die Gestapo angedient habe.
Herf wird nach Nürnberg versetzt, wo er nach ein paar Jahren zum Richter ernannt wird und Ende 1963 in Pension geht
Herf kann also wieder zurück in den Dienst – nur gibt es seinen Arbeitsplatz nicht mehr. Das Sonderministerium, das für die Spruchkammern zuständig war, wird kurz vorher vom bayerischen Landtag aufgelöst. Die Entnazifizierungsverfahren kommen damit praktisch zum Erliegen. Herf wird nach Nürnberg versetzt, wo er nach ein paar Jahren zum Richter ernannt wird und Ende 1963 in Pension geht.
Das Interview in Herfs Altbauwohnung ist fast am Ende. Der ehemalige Staatsanwalt klingt mittlerweile müde. Er macht immer wieder längere Pausen. Der Journalist packt sein Tonbandgerät ein, bedankt und verabschiedet sich. Ein paar Wochen später werden Teile des Gesprächs im Radio gesendet und landen danach für Jahrzehnte in Archiven. Vier Jahre nach dem Gespräch wird Herf am 31. Januar 1994 in genau jenem Sessel sterben. Kein Wort wird Herf mehr darüber verlieren, dass Soltikow und er sich früher schon einmal begegnet waren. 1934, in einem Gerichtssaal in Berlin.
Herf hatte ihn und 30 weitere Männer als Staatsanwalt wegen Betrugs angeklagt. Soltikow erhielt am Ende eineinhalb Jahre Gefängnis und drei Jahre Ehrverlust. Schon während des Prozesses ließ Herf ihn in Haft nehmen. Er hatte herausgefunden, dass Soltikow unter Pseudonym einen Artikel in einer Berliner Boulevardzeitung veröffentlichte, in dem er wichtige Zeugen verleumdete.
Text: Patrick Wehner; Fotos: Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Süddeutsche Zeitung, Scherl; Audioaufnahmen: Fritz Dumanski; Redaktion: Katja Auer, Birgit Goormann-Prugger; Digitales Storytelling: Birgit Goormann-Prugger