Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich, aber SSL-Agenten kennen das schon:
Spoiler
Stefan Rammer
Verschwörungstheorien sind vielfach bei Menschen zu finden, die gegen die vermeintliche "Corona-Lüge" auf die Straße gehen. −Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Verschwörungstheorien sind vielfach bei Menschen zu finden, die gegen die vermeintliche "Corona-Lüge" auf die Straße gehen. −Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Der Passauer Professor Dr. Ralf Hohlfeld ist entsetzt, seine studentische Forschungsgruppe ist es nicht minder. "Wir haben in einen tiefen Abgrund geblickt."
Der Kommunikationswissenschaftler hat gemeinsam mit Studierenden des Masterstudiengangs "Medien- und Kommunikation" Gruppen und Kanäle von prominenten Populistinnen und Populisten in den Blick genommen, u. a. Attila Hildmann, Eva Hermann, Michael Wendler und Rüdiger Dahlke. Darüber hinaus flossen Posts ausgewählter AfD-Politiker ein, darunter Björn Höcke.
"Ich bin schockiert von der Brutalität der Sprache, diesen Hass-Posts auf Telegram, die weit über den Hatespeech von Facebook hinausgehen. Da ist so viel Wut, Verachtung, Herabsetzung auf alle, die in irgendeiner Form dort als die Schuldigen identifiziert werden." In der der Summe der Beiträge, so Hohlfeld gegenüber der PNP, sei vor allem eine krude Mischung aus Geschichtsklitterung, Hetze, Aufwiegelung und Antisemitismus zu sehen.
Virus wurde erfunden, um Bargeld abzuschaffen
Die Forschungsgruppe hat mehr als 1800 Telegram- und Facebook-Posts analysiert, die einen inhaltlichen Bezug zu COVID-19 aufweisen. So schreibt zum Beispiel der ehemalige Starkoch Attila Hildmann, der "Eugeniker" Bill Gates wolle den Menschen "mit RNA-Spritzen die Gene manipulieren, dass sie nur noch Frauen gebären". Rechtsextreme behaupten in den Gruppen der Prominenten, dass sich Juden über die Pandemie freuen würden, da sie mit der RNA-Impfung das probate Gegenmittel für den Völkermord an Nichtjuden in der Hand hätten.
"In 40 Prozent der Kommunikation der rechtspopulistischen Akteure und ihrer Gruppen finden sich solch eindeutige Bezüge auf Verschwörungserzählungen" erklärt Isabel Käsbauer, die das Projekt koordiniert hat. Diese seien meist pandemiespezifisch ausgerichtet und schüfen ein stark vernetztes Paralleluniversum. So sei etwa das Virus erfunden worden, um das Bargeld abzuschaffen. Oder es werde behauptet, dass der Mobilfunkstandard 5G nicht nur die Ausbreitung des Virus begünstige, sondern überhaupt erst Auslöser des Virus sei. Die Etablierung einer Diktatur sei Fluchtpunkt der meisten Verschwörungsmythen; wahlweise wolle Bill Gates durch die Impfkampagne und das "Chippen" der Menschen die Kontrolle über den Planeten erlangen, oder die staatlichen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung sollten bewusst die Grundrechte aushebeln, um anschließend eine Diktatur zu etablieren. Bewusst werde in diesem Zusammenhang oft dazu aufgerufen, sich auf einen Krieg gegen Juden, Kommunisten oder Freimaurer vorzubereiten. Das Narrativ "Wir gegen die anderen", das für rechtspopulistische Bewegungen typisch sei, habe sich in der Hälfte aller untersuchten Beiträge der Passauer Studie gefunden, heißt es in der Mitteilung der Forschungsgruppe.
Ersichtlich wird demnach: Die Kommunikation auf den rechtspopulistischen Plattformen ist von negativer Rhetorik und Herabsetzung geprägt. Fast drei Viertel der Beiträge enthalten Formen von radikaler Herabsetzung. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wird abwechselnd als "Pharmalutscher" oder als "Landesverräter" bezeichnet. Mehr als die Hälfte der Posts enthält explizite rechtspopulistische Rhetorik, wobei sich die verbale Herabsetzung in erster Linie gegen die Politik richtet: In 53 Prozent der Fälle waren "die Machthaber" die Adressaten der Rhetorik, nur in jeweils neun Prozent waren es Medienvertreter oder Wissenschaftler. Gleichwohl wurde in fast jedem dritten Beitrag eine deutliche Wissenschaftsskepsis nachgewiesen. Diese stand ebenfalls meist im Zusammenhang mit populistischer Rhetorik.
Aufrufe zum Sturm auf den Bundestag
Die Studie zeigt auch, dass die radikale Ablehnung der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung sich auch auf die Kommentare der Facebook-Nutzer auswirkte: Je negativer die Politik bewertet wurde, desto ablehnender waren die Kommentare. Knapp 30 Prozent der pandemiebezogenen Kommunikation rechtspopulistischer Akteurinnen und Akteure auf Telegram und Facebook enthielten Aufforderungen zum Handeln. In einem Viertel dieser Fälle waren diese extrem radikal. Darunter fanden sich Aufrufe, den Bundestag zu stürmen, und Morddrohungen gegen die Bundeskanzlerin.
"Wir konnten feststellen, dass die ablehnende Haltung zur Pandemie und zum auslösenden Virus ein durchgängiges Muster in allen untersuchten Gruppen ist", fasst Hohlfeld zusammen. Dabei äußerten sich die untersuchten Personen und Gruppen auf Telegram radikaler als auf Facebook. Telegram sei zur Haupt-Plattform für Verschwörungserzählungen geworden. Dies sei kaum verwunderlich, denn: Während bei Facebook in der jüngeren Vergangenheit Regulierungsmaßnahmen zivilisierend auf die Kommunikation einwirkten, sei Telegram unreguliert, Gesetzesverstöße ließen sich hier nicht ahnden.
Alle seien einer Meinung, bestätigten sich gegenseitig
Letzteres soll sich ändern. Laut "Spiegel" will das Bundesjustizministerium Telegram dem Netzdurchsetzungsgesetz unterwerfen. Damit würde die Plattform genauso reguliert wie die sozialen Netzwerke Facebook, Twitter oder TikTok. Die Betreiber müssten strafbare Inhalte nach Bekanntwerden zeitnah löschen und ab Februar 2022 auch dem Bundeskriminalamt melden. Hohlfeld begrüßt das. Bei Facebook sei durch Regulierung die Diskursqualität besser, die Hassbotschaften weniger geworden.
Generell aber sieht Hohlfeld Telegram sehr kritisch. Dort gebe es keinen richtigen Diskurs, sondern einen Diskurs in einer Kapsel. Alle seien einer Meinung, bestätigten sich gegenseitig. Wenn es um digitale Kommunikation und um die polarisierte Gesellschaft geht, so glaubt Hohlfeld nicht, dass es besser werde. Könne eine Plattform reguliert werden, folge die nächste. Menschen, die Hass säen, die Gesellschaft zerstören wollten, fänden immer eine Plattform. Die englischsprachige Studie ist als Vorabdruck auf der Wissenschaftsplattform Research Gate publiziert.