Spoiler
Das kam nicht nur Matthias Hartig komisch vor. Im vergangenen Jahr wurden auch Mitarbeitende von Gesundheitsämtern in den Landkreisen rund um P.s Praxis hellhörig. In großer Zahl sahen sie Impfunfähigkeitsatteste, die der Allgemeinarzt ausgestellt hatte. Und wenn sie die Atteste nicht akzeptierten, weil es keinen medizinischen Grund für die Impfunfähigkeit gab, legten viele Eltern kurz darauf einen Impfpass vor. Ein Verdacht tat sich auf: Hatte P. womöglich gar nicht geimpft und trotzdem Impfpässe ausgestellt? Brachten Eltern ihre Kinder deshalb zu ihm? Manche Familien fuhren Hunderte Kilometer zu diesem Arzt.
„Bei mehr als 80 Familien stand die Kripo vor der Haustür und hat das Impfbuch einkassiert“
Wer versucht, Volkhard P. heute in seiner Praxis anzutreffen, steht vor verschlossenen Türen. P. wurde im Sommer 2025 „wegen Impfbetrugs“ verhaftet, ein vorläufiges Berufsverbot wurde verhängt. Der Vorwurf: „Verdacht des Ausstellens unrichtiger Gesundheitszeugnisse sowie des gewerbsmäßigen Abrechnungsbetrugs.“
Sie gehe davon aus, dass der Arzt 1290 Impfungen nicht erbracht, aber mit den Krankenkassen abgerechnet habe, teilte die bei der Nürnberger Generalstaatsanwaltschaft angesiedelte Zentralstelle zur Bekämpfung von Betrug und Korruption im Gesundheitswesen im Juli 2025 (ZKG) mit. So soll seit August 2022 ein Schaden von knapp 20 000 Euro entstanden sein. Nicht eingerechnet: der mögliche Schaden an der Gesundheit von Menschen, die anders als es das Masernschutzgesetz vorsieht, eben nicht vor der gefährlichen Infektionskrankheit geschützt werden.
Die Masern sind hochansteckend und nehmen mitunter einen schweren Verlauf. Es kann zu lebensbedrohlichen Entzündungen von Lunge und Gehirn kommen. In seltenen Fällen entsteht auch Jahre nach der Infektion noch die gefürchtete Gehirnentzündung SSPE, die immer tödlich verläuft. So gibt es weltweit jedes Jahr mehrere Tausend Todesfälle durch Masern. Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu lokalen Ausbrüchen. 2025 gab es drei Fälle auf eine Million Einwohner, 2024 waren es acht; und jedes Jahr sterben nach Daten des Statistischen Bundesamtes bundesweit zwischen drei und sieben Menschen an Masern. Am stärksten gefährdet sind die Kleinsten, weil eine Impfung erst im Alter von neun Monaten möglich ist. Aber auch bei Erwachsenen kann die Krankheit einen ernsten Verlauf nehmen. Im Jahr 2019 starb eine fünffache Mutter in Hildesheim. Alle ihre Kinder waren ungeimpft.
Volkhard P. ist nach monatelanger Untersuchungshaft inzwischen wieder auf freiem Fuß. Der Haftbefehl wurde unter Auflagen ausgesetzt, teilt die Staatsanwaltschaft auf Anfrage mit, die Ermittlungen dauerten noch mindestens bis Mitte Mai an. Unweit seiner Praxis trifft ein Rechercheteam von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung den Arzt in seinem Wohnhaus an. Auf die Ermittlungen angesprochen, sagt er, er wisse gar nicht genau, was die Staatsanwaltschaft ihm überhaupt vorwerfe. Er sei nur Arzt und Wissenschaftler. Weitere Fragen will er nicht beantworten.
P.s Verhaftung hat im Landkreis Landshut für Aufsehen gesorgt – nicht nur unter den Ärzten. „Bei mehr als 80 Familien stand die Kripo vor der Haustür und hat das Impfbuch einkassiert“, erzählt Matthias Hartig in seiner verwinkelten Frosch-Praxis, ein Stethoskop um den Hals. Manche Eltern kamen daraufhin mit ihren Kindern zu ihm. Sie wollten eine „weitere Masernimpfung“, wie sie sagten. Doch Hartig erklärte ihnen, dass er nur impfen könne, wenn die bisherigen Impfungen nicht angeschlagen hätten. Dazu müsse er Blut abnehmen und den Titer bestimmen, also die enthaltene Menge an Antikörpern gegen Masernviren. Manche Eltern willigten ein. Das Ergebnis war eindeutig: „In allen Fällen gab es keine Antikörper“, sagt Hartig.
Das deckt sich nach Informationen von NDR, WDR und SZ auch mit den Überprüfungen durch Gesundheitsämter. In Regensburg waren zwei Elternpaare von P.s Patienten mit der Blutprobe einverstanden – auch hier stellte sich heraus, dass die angeblich geimpften Kinder keinen Masernschutz hatten. Im Gesundheitsamt Straubing sind demnach ebenfalls alle Kontrollen negativ gewesen.
Volkhard P. ist bei Weitem nicht der einzige Arzt, dem solche Vorwürfe gemacht werden. Landauf, landab gibt es Ermittlungen gegen Medizinerinnen und Mediziner, manchen wurde bereits die Approbation entzogen. Unterstützer rufen im Internet zu Solidaritätszahlungen für diese Ärzte auf, die „sich schützend vor ihre Patienten gestellt“ hätten. Das Interesse an ihnen ist groß.
Auch Anna Ostermeier hat intensiv nach einem Arzt gesucht, der ihr eine Impfunfähigkeitsbescheinigung für ihre dreijährige Tochter ausstellen würde, die demnächst in den Kindergarten gehen soll. Das Rechercheteam trifft die 39-jährige Landwirtin, eine fröhliche Frau im hellgrünen Cordhemd, an einem Dienstag in der Praxis von Andreas Sönnichsen in Salzburg an. Der hagere Mediziner empfängt in einem kargen Besprechungszimmer. Hier steht außer einem Schreibtisch und einem schmalen Regal zwar auch eine Liege, aber der Raum wirkt nicht so, als ob die Behandlung hier häufig über Gespräche und das Ausfüllen von Dokumenten hinausginge. Das Regal ist fast leer.
Mehr als zweieinhalb Stunden ist Anna Ostermeier von ihrem Hof in der Nähe von Augsburg zu Sönnichsen gefahren, um sich dort eine Impfunfähigkeitsbescheinigung für ihre Tochter zu holen. Eine einstündige Beratung habe es gegeben, sagt der Arzt, vor der Begegnung in Salzburg auch noch ein Ferngespräch. Am Ende bekommt Ostermeier das ersehnte Papier.
Der Bitte um die Bescheinigung komme er bei jedem Kind nach, erzählt Sönnichsen freimütig. Seine Begründung: Weil es in Deutschland nur wenige Maserninfektionen gebe, seien die Risiken einer Impfnebenwirkung höher als die Risiken der Krankheit. Somit liege für jedes Kind eine „relative Kontraindikation“ vor. Ob er solche Bescheinigungen auch in Deutschland ausstellen würde? „Nein, würde ich nicht machen“, sagt Sönnichsen, selbst Deutscher. „In Deutschland wird man sofort strafrechtlich verfolgt.“ In Österreich, wo es keine Masernimpfpflicht gibt, habe er nur Probleme mit der Ärztekammer, die seit Jahren versuche, ihm „was anzuhängen“.
Anna Ostermeier ist überglücklich, als sie Sönnichsens Praxis mit der Bescheinigung verlässt. Sie fällt dem Arzt vor Dankbarkeit um den Hals, dabei hat sie ihn an diesem Tag zum ersten Mal getroffen. „Ich wäre überall hingefahren“, sagt sie, „mir ist das Risiko einer Impfnebenwirkung einfach zu hoch.“
Sie selbst habe nach einer Impfung vor vielen Jahren einen hartnäckigen Hautausschlag bekommen; ihre Tante nach einer Hepatitis-Impfung sogar Multiple Sklerose (MS). Dass die Befürchtung, durch eine Impfung könne eine Multiple Sklerose entstehen, längst in umfassenden Studien wissenschaftlich widerlegt ist, hat Sönnichsen ihr in dem langen Aufklärungsgespräch nicht gesagt. Der Zusammenhang sei „weder widerlegt noch belegt“, behauptet er anschließend im Gespräch mit den Reportern. Während der langen Beratung scheint er die Ängste der Patienten eher zu bestätigen als abzumildern. Und er lässt sich das gut bezahlen. Für jede halbe Stunde kassiert der Arzt nach eigenen Angaben 120 Euro. So kommen leicht 300 Euro zusammen.
Es bleibt die Frage, ob es schlau war, impfskeptische Eltern mit einem Gesetz unter Druck zu setzen
Doch Eltern wie Anna Ostermeier ist es das wert. Sie fühlen sich durch das Masernschutzgesetz in die Ecke gedrängt, versuchen eine Lösung zu finden. So bleibt die Frage, ob es klug war, Eltern, die ihre Kinder partout nicht impfen lassen wollen, mit dem Gesetz so unter Druck zu setzen. Das kritisiert auch Kinderarzt Hartig aus Vilsbiburg: „Es gibt Familien, die sich das Hirn und das Herz zermartern, weil sie glauben, dass sie ihrem Kind mit der Impfung schaden“, sagt er. „Das sind zum Teil existenzielle Nöte.“
Dabei seien die Risiken gerade bei der Masernimpfung minimal und der Nutzen ein lebenslanger Schutz. Hartig ist zwar selbst der Naturheilkunde und Homöopathie zugetan, wo sich viele Impfskeptiker finden, aber er sei ein „überzeugter Impfarzt“, wie er sagt. „Der Gedanke, durch Impfen zu schützen, trägt mich.“ Zwingen würde er Eltern jedoch nicht. „Ich empfehle und kläre auf, aber ich lasse die Leute ihren eigenen Weg gehen.“
Denn der Druck schürt den Widerstand. Impfgegner haben sich, auch infolge der Corona-Pandemie, radikalisiert, es gibt Telegram-Gruppen mit 80 000 Mitgliedern, in denen mit Kommentaren wie „Ungeimpfte Kinder sind gesünder“ oder „Masernschutzimpfung: Es geht nicht um die Gesundheit, es geht um Macht und Geld“ Stimmung gegen die Impfung gemacht wird. Zugleich haben sich die Impfquoten seit dem Masernschutzgesetz kaum erhöht. Zwar stiegen die Impfzahlen in manchen Bundesländern an, doch insgesamt liegt die Quote deutschlandweit bei Zweijährigen immer noch bei nur 78 Prozent und bei Sechsjährigen bei 92 Prozent. Das ist um einiges entfernt von den 95 Prozent, die einen Herdenschutz auch für all jene bedeuten würden, die sich aus gesundheitlichen Gründen wirklich nicht impfen lassen können oder weil sie noch zu klein sind. Und angesichts von gefälschten Impfpässen ist ohnehin fraglich, ob die Impfquoten überhaupt der Realität entsprechen. Auch dies ist eine Nebenwirkung des neuen Gesetzes.
Das Masernschutzgesetz gibt den Gesundheitsämtern kaum Handhabe
In manchen Gesundheitsämtern regt sich deshalb Widerstand, zumal die Impfbetrügereien offenbar zunehmen. Es haben sich ganze Netzwerke von Ärzten gebildet, die gute Geschäfte mit den Ängsten von Eltern vor der Masernimpfung machen und diese noch anheizen. Manche dieser Ärzte, wie Andreas Sönnichsen, sind Teil eines noch viel größeren und mächtigeren Netzwerks – der Anti-Impf-Kampagne „Children’s Health Defense“ von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., die Impfskeptizismus weltweit befördert.
Auch gibt es kommerzielle Plattformen, die Eltern unter Slogans wie „Impf dich ins Knie!“ gegen Geld dabei helfen, an der Masernimpfung ihrer Kinder vorbeizukommen. Impfgegner „fänden immer neue Wege, Impfungen zu verzögern oder zu umgehen“, stellte auch das Robert-Koch-Institut im vergangenen Jahr in einer Evaluation fest, für die Gesundheitsämter befragt wurden.
Manche Gesundheitsämter akzeptieren deshalb Impfunfähigkeitsatteste ohne medizinische Untersuchung und Angabe von Gründen, wie sie Andreas Sönnichsen ausstellt, nicht mehr. Der Leiter des Gesundheitsamtes Regensburg, Bernhard Edenharter, sagt: „Bei solchen generellen Impfunfähigkeitsbescheinigungen werden wir grundsätzlich hellhörig.“ Zwischen 100 und 150 solcher Atteste landen jedes Jahr allein in Edenharters Amt.
In Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen haben sich daher Mitarbeiter von 40 Gesundheitsämtern zu einem „Netzwerk Masernschutz“ zusammengeschlossen. Sie tauschen sich über juristische Möglichkeiten aus und über Ärzte, die ihnen auffallen. Auf einer internen Liste, die NDR, WDR und SZ vorliegt, stehen mittlerweile 27 Ärzte, welche die Mitglieder des Netzwerks Masernschutz verdächtigen, falsche Atteste oder sogar gefälschte Impfpässe auszustellen. Doch beweisen können sie das nicht ohne Hilfe der Staatsanwaltschaft. Denn Blut abnehmen und somit prüfen, ob die Kinder überhaupt geimpft wurden, dürfen die Gesundheitsämter nicht. Das Masernschutzgesetz gibt ihnen kaum Handhabe. Sie dürfen lediglich bei verdächtigen Impfunfähigkeitsattesten eine Nachuntersuchung anordnen.
Viele Staatsanwaltschaften haben jedoch kein Aufklärungsinteresse, mitunter nicht einmal die Politik. In Bayern hat das Gesundheitsministerium jüngst sogar die Gesundheitsämter zurückgepfiffen, wie eine interne Mail zeigt, die SZ, NDR und WDR vorliegt. Die Ämter sollten die Impfpässe nur noch „zur Kenntnis nehmen“, heißt es darin. Diese zu kontrollieren, sei die Aufgabe der Schulen und Kitas. Ein Interview möchte die bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Judith Gerlach (CSU), dazu nicht geben. Schriftlich teilt eine Sprecherin mit: „Die Kontrolle der Masern-Impfnachweise erfolgt auch künftig – wie gesetzlich vorgesehen – primär durch die Leiterinnen und Leiter der jeweiligen Einrichtungen.“
Die sind damit allerdings in der Regel überfordert, zumal impfskeptische Eltern in manchen Foren gelernt haben, wie sie Schulen etwa mit Verweis auf die Datenschutzgrundverordnung unter Druck setzen können. Freuen können sich somit vor allem Ärzte wie Andreas Sönnichsen. Seine Atteste würden in Deutschland von Kindergärten und Schulen „problemlos anerkannt“, sagt er. Nur bei den Gesundheitsämtern sei es nicht so einfach. Da gebe es widerspenstige Sachbearbeiter.
So, wie die Kundschaft das immer fordert ...