Autor Thema: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt  (Gelesen 9072 mal)

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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #150 am: 23. Juli 2020, 15:08:04 »
@Reichsschlafschaf Danke zunächst für deine kontinuierliche Begleitung des Prozesses. Dein Hinweis, dass die Kommentierung sich signifikant zwischen Ost und West unterscheidet, überrascht und erschreckt mich gleichermaßen. Noch bedrückender wird es, wenn man berücksichtigt, dass hinter dem TAG24-Boulevardjournalismus eine Beteiligung der SPD mit 40% steht. Offtopic-Frage: gibt es Studien zur unterschiedlichen medialen Aufbereitung?

Wenn ich mir die Kommentare bei SPON anschaue, die mehrheitlich jede Empathie für die Opfer vermissen lassen und stattdessen Bruno D. als Opfer zu inszenieren versuchen, bin ich froh, dass ich heute noch nichts gegessen habe.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #151 am: 23. Juli 2020, 15:23:50 »
Noch bedrückender wird es, wenn man berücksichtigt, dass hinter dem TAG24-Boulevardjournalismus eine Beteiligung der SPD mit 40% steht.


Richtig, daran denke ich auch immer, wenn ich die lese.


Offtopic-Frage: gibt es Studien zur unterschiedlichen medialen Aufbereitung?

Mir nicht bekannt, aber das heißt nix.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #152 am: 23. Juli 2020, 15:38:40 »
Jugendstrafrecht halt. Deshalb auf Bewährung.

Das der Osten Defizite hat, geschenkt weil allgemein bekannt.

Nochmal, für die Leute hat die Diktatur erst 1990 geendet.

Es gab Fahnenaufmärsche, uniformierte Jugend, eine jetzt anders heißende Arbeitsfront, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus ( wenn auch anders vepackt ), preussischen Militarismus usw.

Gut, die Kommunisten waren jetzt die Guten, und statt Rasse sprach man von Klasse, ansonsten alles beim alten.

Deshalb auch die Erfolge der AfD.

Die Erfahrung lehrt uns, dass Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in gleicher Richtung blickt.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #153 am: 23. Juli 2020, 15:54:06 »
Nochmal, für die Leute hat die Diktatur erst 1990 geendet.

Auch schon 30 Jahre her!
Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!
 
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #154 am: 23. Juli 2020, 16:02:58 »
Jugendstrafrecht halt. Deshalb auf Bewährung.

Das der Osten Defizite hat, geschenkt weil allgemein bekannt.

Nochmal, für die Leute hat die Diktatur erst 1990 geendet.

Es gab Fahnenaufmärsche, uniformierte Jugend, eine jetzt anders heißende Arbeitsfront, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus ( wenn auch anders vepackt ), preussischen Militarismus usw.

Gut, die Kommunisten waren jetzt die Guten, und statt Rasse sprach man von Klasse, ansonsten alles beim alten.

Deshalb auch die Erfolge der AfD.

Werter Mitagend @mork77 ein kleiner Einwand, ohne jetzt gleich eine riesige Debatte initiieren zu wollen, sei mir hierzu hoffentlich gestattet. Dass der Gründungsmythos des antifaschistischen Musterlandes namens DDR längst dekonstruiert ist und nicht mehr zur Legendenbildung taugt, ist zumindest in informierten Kreisen natürlich bekannt. (Ich empfehle hierzu ungefragt: Henry Leide mit 'NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR.") Dein Satz "Nochmal, für die Leute hat die Diktatur erst 1990 geendet." irritierte mich aber ein wenig, weil man ihn auch so lesen kann, als würdest du die DDR als Diktatur in Abrede stellen. "Die Leute" hatten keinerlei Demokratieerfahrung, keinerlei entwickelte Zivilgesellschaft, in der Diskurse offen möglich waren etc., neben all den materiellen und sozialen Verwerfungen und einer völlig erodierten Kulturlandschaft jenseits der staatlich verordneten Fahnenschwenkerparaden; das entschuldigt natürlich nicht die Anfälligkeit für widerliches "Volksfahrräder-"Gebrülle, macht aber die noch immer weit verbreitete Unsicherheit und die diffusen Verlustängste, die sich um so fester an imaginierte Identitäten klammert, verständlich, auch wenn man sie nicht teilt.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #155 am: 23. Juli 2020, 17:17:04 »
Den Satz "Nochmal, für die Leute hat die Diktatur erst 1990 geendet." interpretiere ich als "Erinnert Euch: Diese Leute leben erst seit 1990 nicht mehr in einer Diktatur."
Ich bin mir sehr sicher, dass der gute @mork77 ihn auch genau so gemeint hat.
Eine von VRiBGH Prof. Dr. Thomas Fischer erfundene Statistik besagt, dass 90% der Prozessgewinner die fragliche Entscheidung für beispielhaft rechtstreu halten, 20% der Unterlegenen ihnen zustimmen, hingegen von den Verlierern 30% sie für grob fehlerhaft und 40% für glatt strafbar halten.
 
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #156 am: 23. Juli 2020, 17:21:30 »
Wenn bis zu 27,5 % der Menschen, die immerhin seit 30 Jahren nicht mehr in einer Diktatur schmachten, eine zumindest in großen Teilen faschistische Partei wählen, geht mir jedes Verständnis ab!

Zum Glück gibt es ja noch die anderen 72,5 %.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #157 am: 23. Juli 2020, 18:44:58 »
Der Spiegel zitiert die "schonungslosen Worte" der Vorsitzenden:


Zitat
"Sie waren einer der Gehilfen dieser von Menschen gemachten Hölle", sagt die Richterin an Bruno D. gewandt. Er hätte nicht einen verbrecherischen Befehl befolgen dürfen - noch weniger sich auf diesen berufen. "Der Befehl befreit Sie nicht von Schuld."

Dies sei die eigentliche Botschaft dieses Verfahrens: "Wehret den Anfängen! Seid und bleibt wachsam! Achtet die Würde des Menschen um jeden Preis - auch wenn der Preis die eigene Sicherheit ist." Das sei viel verlangt, gerade von einem 17-, 18-Jährigen wie Bruno D. es damals gewesen sei. Keiner wisse, wie er sich in dessen Situation verhalten hätte, sagt Richterin Meier-Göring. Aber gerade deshalb müsse das die Botschaft dieses Verfahrens sein: Wer sich so wie Bruno D. verhalte, der müsse bestraft werden - auch nach so vielen Jahren. Das sei die "rechtsstaatliche Antwort" auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Das Leben im KZ sei so unmenschlich, so entwürdigend gewesen, "das konnten Sie nicht übersehen, Herr D.", sagt Meier-Göring. "Sie wussten, dass vor Ihren Augen Unrecht geschah." Bis zuletzt blieb Bruno D. dabei, dass er vieles nicht mitbekommen habe, weil er ein Einzelgänger gewesen sei; zudem seien in seiner Einheit keine Nazis gewesen. Das sei eine Wahrheit, die er sich "zurechtgelegt" habe, begründet die Kammer ihr Urteil. "Um Sie herum waren die schlimmsten Nazis!"

Das Gericht ist davon überzeugt, dass sich Bruno D. der "Kaltherzigkeit" seiner direkten Umgebung anpasste, um Konflikte zu vermeiden, wie es ihm als Kind anerzogen worden war. Meier-Göring bezieht sich auf das jugendpsychiatrische Gutachten, das Bruno D. eine Persönlichkeit bestätigte, die es ihm erschwerte, im KZ zu bestehen und gleichzeitig sich menschlich und strafrechtlich richtig zu verhalten.

Die Kammer erkannte an, dass sich Bruno D. seiner Schuld genähert, sich nie versteckt hat: 1982 war er im Rahmen von Ermittlungsverfahren gegen andere Tatverdächtige schon einmal befragt worden. Er gab bereitwillig Auskunft, aber weiter gegen ihn ermittelt wurde damals nicht. Es ist einer der Gründe, warum Bruno D. sich zu Beginn des Verfahrens beklagte, man habe ihm seinen Lebensabend zerstört.

Das will die Richterin allerdings so nicht stehen lassen. Sie sagt: Man habe ihn 75 Jahre lang in Ruhe leben lassen. Wäre Bruno D. bereits 1982 angeklagt worden, die Strafe wäre höher ausgefallen. "Wir zeigen nicht mit dem Finger auf Sie, Herr D.", sagt Meier-Göring. Aber es sei ein "furchtbares Unrecht" gewesen, das er getan habe. "Sie hätten in Stutthof nicht mitmachen dürfen."
https://www.spiegel.de/panorama/justiz/urteil-im-prozess-gegen-ss-wachmann-zwei-jahre-jugendstrafe-auf-bewaehrung-a-e7c7c7be-e7a9-435b-999c-68892333f24d


Ist die Vorsitzende so bissl naiv?
Der wäre doch 1982 wegen der damals völlig falschen Rechtsprechung freigesprochen worden oder das Verfahren wäre eingestellt worden, evtl schon von der Staatsanwaltschaft.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #158 am: 23. Juli 2020, 18:57:51 »
Wenn bis zu 27,5 % der Menschen, die immerhin seit 30 Jahren nicht mehr in einer Diktatur schmachten, eine zumindest in großen Teilen faschistische Partei wählen, geht mir jedes Verständnis ab!

Zum Glück gibt es ja noch die anderen 72,5 %.

Nähkästchen auf: ich befasse mich aktuell mit Kulturgutverlusten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, beginnend mit der Endzeit des 2. WK, der Evakuierung und somit der Zerstreuung von Museumsgut und privaten Sammlungen, deren Plünderungen, Zerstörung oder Beschädigung sei es durch Deutsche Soldaten/Zivilisten, oder durch alliierte Soldaten, der sich anschließenden "Bodenreform," die sich pauschal gegen eine als Klasse definierte Gruppe von Individuen richtete, begleitet natürlich durch weitere enteignungsbedingte Verluste von Kunst- und Kulturgütern, der sich ein staatlich betriebener und von der Stasi "kuratierter" (West-)Ausverkauf -bei hochstehenden Kunstwerken eines Dürers beginnend bis hinunter zu kunstgeschichtlich eher bedeutungslosen Werken- von aller Arten Antiquitäten anschloss, gern auch unter Zuhilfenahme von selbst in der DDR illegalen Methoden... nun, diese über einen langen Zeitraum geschlagenen Lücken in die kulturelle Identität, die durch ideologische Angebote nur unzureichend und oberflächlich substituiert werden konnten, neben den anderen bekannten Faktoren eines autoritären/totalitären Staates, haben m.E. schwerwiegende Auswirkungen, die bis heute andauern und sich nicht einfach abschütteln lassen, seien auch schon 30 Jahre vergangen. Oder wie es Günter Blutke schon 1990 und deutlich pointierter als ich schrieb, als das Ausmaß in den Akten der Stasi gerade erst anfing sichtbar zu werden, "Solche Verluste berühren die Lebensweise, die ästhetische und geistige Kultur, sie verarmen den Alltag, nehmen Menschen die Chance, sich ihre Umwelt nach den Maßen ihrer Individualität einzurichten." Dass es im gesamten postkommunistischen Raum beinah überall rechtspopulistische bis offen rechtsradikale Bewegungen gibt, muss ja Ursachen haben, die leider nicht einfach verschwinden... das meinte ich ursprünglich mit "die noch immer weit verbreitete Unsicherheit und die diffusen Verlustängste, die sich um so fester an imaginierte Identitäten klammert, verständlich, auch wenn man sie nicht teilt. " Nähkästchen wieder zu.

PS: @Rechtsfinder & @mork77 Kann mir jemand aus den Brennnesseln helfen? Böses oder gar bösartiges wollte ich nicht hineininterpretieren, vielleicht habe ich es einfach falsch verstanden, Pardon.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #159 am: 23. Juli 2020, 20:29:01 »
Den Satz "Nochmal, für die Leute hat die Diktatur erst 1990 geendet." interpretiere ich als "Erinnert Euch: Diese Leute leben erst seit 1990 nicht mehr in einer Diktatur."
Ich bin mir sehr sicher, dass der gute @mork77 ihn auch genau so gemeint hat.

Yup!

@ArV alles gut!
« Letzte Änderung: 23. Juli 2020, 20:34:02 von mork77 »
Die Erfahrung lehrt uns, dass Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in gleicher Richtung blickt.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #160 am: 24. Juli 2020, 09:00:55 »
Das Thema wird weiterhin in FB heiß kommentiert.
Denn selbstverständlich weiß es jeder, der zu Hause einen Vater oder Opa hat oder hatte, der bei der SS oder Wehrmacht war, viel besser, was damals los war als junge Historiker und Richter, die gar nicht über ältere als sie selbst richten dürfen!
Wenn der Zeitzeuge sagt, man wurde erschossen, wenn man sich weigerte Gefangene zu quälen, dann war das so!
Schließlich lügen Zeugen nie ...!^^


Der Deutschlandfunk hat den Augsburger Zeithistoriker Wirsching befragt:


Zitat
Historiker über Urteil gegen KZ-Wachmann
„Später Dienst an der Würde der Opfer“

Andreas Wirsching im Gespräch mit Dieter Kassel
Spoiler
In Hamburg wurde ein 93-jähriger ehemaliger KZ-Wachmann verurteilt. Er muss die Haftstrafe nicht antreten. Dennoch sei das Urteil wichtig, sagt Historiker Andreas Wirsching: für die Opfer, die Rechtsprechung und die Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig wurden während des Zweiten Weltkriegs etwa 65.000 Menschen ermordet. Die Opfer waren Juden, politische Gefangene, Polen. Die Bewachung des Lagers nahe der Ostsee übernahm die SS.

Der Soldat Bruno D. kam in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs, kurz vor seinem 18. Geburtstag, zum KZ Stutthof und wurde als Wachmann eingeteilt. Dafür stand er nun in Hamburg vor Gericht – wegen der Beihilfe zum Mord an über 5000 Menschen, die während Bruno D.s Dienstzeit getötet wurden.

Das Landgericht hat ihn am 23. Juli nach Jugendstrafrecht zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Der 93-Jährige wird seine Haftstrafe also nicht antreten müssen. Für den Historiker Andreas Wirsching, Direktor des Leibniz Instituts für Zeitgeschichte in München, ist diese Entscheidung der Richter „ein salomonisches Urteil“.

Es spiegele einerseits einen Wandel im Umgang mit NS-Verbrechen wider: Der Angeklagte habe sich nicht damit herausreden können, er habe nur einen Befehl befolgt. „Das haben frühere Gerichtsurteile der 70er-, 80er- und auch 90er-Jahre noch anders gesehen“, sagt Wirsching.

Mehr als nur symbolisch
Andererseits stehe das Urteil für einen pragmatischen Umgang mit dem Angeklagten – indem das Jugendstrafgesetz zur Anwendung gekommen sei. Obwohl der Verurteilte nicht ins Gefängnis komme, habe das Urteil jedoch mehr als nur symbolischen Charakter: „Es ist für die Opfer wichtig – das darf man nicht vergessen. Es ist auch ein später Dienst an der Würde der Opfer“, sagt Andreas Wirsching.

Hat dieses Urteil darüber hinaus eine Signalwirkung für weiterer Fälle, die noch zur Anklage kommen könnten, und auch für junge Menschen, für die das NS-Regime und seine Vernichtungslager bereits in weite Ferne gerückt seien?

„Ich glaube, dass diese Prozesse langfristig eine wichtige Funktion haben, weil sie nämlich juristisch dokumentieren, dass es beispielsweise nicht reicht, sich auf eine Art Befehlsnotstand zurückzuziehen“, meint der Historiker. Alte „Entschuldungserzählungen“ könnten nicht mehr zur Entlastung von Tätern herangezogen werden.

Kultur des Widerstands stärken
Die Dokumentation solcher Fälle könne dazu beitragen eine Kultur des Widerstands zu etablieren – dies vor allem im Hinblick auf ein Erstarken rechtsextremer Parteien und Organisationen. Hier zeigten sich Lücken in der Bildungsarbeit und in der Aufarbeitung.

„Wir haben heute eine politische Kultur, leider Gottes auch mit einer bestimmten Partei am rechten Rand, die es sehr viel stärker erlaubt, sich öffentlich oder in den sozialen Medien zu artikulieren“, beklagt Andreas Wirsching. Und diese zu Feindbildern tendierende Sprache bahne der Gewalt den Weg.

(mkn)
[close]
https://www.deutschlandfunkkultur.de/historiker-ueber-urteil-gegen-kz-wachmann-spaeter-dienst-an.1008.de.html


Gefühlt würde ich gerne zumindest die Bewährung versagt haben, aber die Vernunft sagt, es ist wohl besser, möglichst die Rechtskraft eintreten zu lassen, damit das wenigstens bei einem weiteren Urteil der Fall ist. Klar, jetzt ist erst einmal die Urteilsbegründung abzuwarten. Aber vielleicht halten ja sowohl Staatsanwaltschaft wie auch Verteidigung die Füße still ... schaumermal.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #161 am: 24. Juli 2020, 09:26:21 »
Letztlich ist doch egal, ob das Urteil rechtskräftig wird. Der Mann wird so oder so in Freiheit sterben - oder glaubst du ernsthaft, nach einem weiteren Prozeß in 3 oder 4 Jahren - so er den übersteht - wird er noch haftfähig sein?!

Man hätte diese Leute vor Jahrzehnten aburteilen müssen. Hat man nicht gewollt, und jetzt sind die letzten noch lebenden KZ-Schergen nun mal gebrechliche alte Männer jenseits der 90. Nach rechtsstaatlichen Maßstäben kann man die faktisch nicht mehr bestrafen - siehe nur Oskar Gröning, der zwar 4 Jahre bekam, die Sache bis vors BVerfG brachte und schließlich noch vor Strafantritt starb.

Kein Ruhmesblatt der deutschen Nachkriegsjustiz - und kein Wunder, war die doch bis weit in die 60er von alten Nazis durchsetzt. Und noch 1983 wurde meine Examenshausarbeit von dem emeritierten Professor Schaffstein korrigiert (der verlinkte Wikipediaartikel ist wirklich sehr aufschlußreich). Zum Kotzen.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #162 am: 24. Juli 2020, 09:33:40 »
Letztlich ist doch egal, ob das Urteil rechtskräftig wird.


Finde ich nicht egal.
Jetzt geht er eben nicht in den Bau - nicht schön für die Beihilfe an 5320 Morden, aber dann isses halt so.

Jedoch ist es für unsere Kundschaft offenbar doch ein wichtiges Zeichen, daß man auch als kleines Licht noch 75 Jahre später drankommen kann (wo man sich doch um wichtigere Dinge wie Merkels Gäste etc kümmern sollte, als um Leute, die doch nur ihre Pflicht getan haben!).
Nach Jugendrecht und mit allen Mildernden Umständen, aber immerhin.

Und da wäre die Rechtskraft eines - wenn auch milden - Urteils schon ein gutes Zeichen.
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #163 am: 24. Juli 2020, 09:34:46 »
Schöne Rechtskraft, wenn sie keine Konsequenzen hat!
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Re: Prozess gegen Aufseher im KZ Stutthof beginnt
« Antwort #164 am: 24. Juli 2020, 09:39:54 »
Schöne Rechtskraft, wenn sie keine Konsequenzen hat!

Das kann man aber kaum jetzt dem Gericht vorwerfen, sondern den Leuten, die ihn in den letzten Jahrzehnten nicht verfolgt haben. Und ja, ich finde das auch unschön.
Sebastian Leber über Rüdi: Hoffmanns Beweisführung ist, freundlich ausgedrückt, unorthodox. Es geht in seinen Filmen drunter und drüber wie bei einem Diavortrag, bei dem der Vortragende kurz vor Beginn ausgerutscht ist und alle Dias wild durcheinander auf den Boden flogen.
 
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