Spoiler
Es ist 14 Minuten nach 12 Uhr am Montagmittag, als der 40 Jahre alte Deutsche Alexander S. seine Amokfahrt in der Mannheimer Innenstadt beginnt. Von da an dauert es noch gut 20 Minuten, bis die Polizei eine erste Pressemitteilung herausgibt, in der es heißt, dass ein Polizeieinsatz stattfinde, zu dem auch Rettungskräfte unterwegs seien. Weitere 15 Minuten vergehen, bis die Polizei Mannheim auf ihrem X-Account die Bürger der Stadt auffordert, die „Innenstadt zu vermeiden und großräumig zu umfahren“. Es sei eine „polizeiliche Einsatzlage“ im Gange. Zeitgleich ploppen auf den Handys vieler Menschen die ersten Eilmeldungen auf: Ein Auto ist in Mannheim in den Fasnachtsumzug gefahren. Es ist fast 13 Uhr.
Zu diesem Zeitpunkt ist noch wenig klar. Weder die Identität des Amokfahrers, noch, ob es Mittäter gibt, und auch nicht, wie viele Menschen dem Angriff zum Opfer fielen. Doch in den sozialen Medien ist sich zu diesem Zeitpunkt schon die Maschinerie des digitalen Grauens in Gang: Unmittelbar nach dem Angriff kursieren die ersten Fakes und Falschmeldungen. Vielfach geteilt wird eine gefälschte Polizeimeldung, die vor 13 Uhr von einem „AMOK-Lauf“ in der Mannheimer Innenstadt warnt. Sie enthält auch ein Täterprofil „170 cm, Bart, schwarze Jacke, dunkler Hauttyp, vermutlich mit Schusswaffe bewaffnet“, hinzu kommt das angebliche Kfz-Kennzeichen des Amokfahrers.
Angeblich habe der Täter dunkle Haut
Auf X, Threads und Tiktok verbreitet sich die Falschinformation mit der gefälschten Polizeimeldung rasend schnell. Es wäre leicht nachzuvollziehen gewesen, ob diese echt ist. Im Presseportal der baden-württembergischen Polizei laufen die offiziellen Meldungen ein, darauf weist auch die Mannheimer Polizei auf X hin. Dort folgt die nächste Meldung um 14.07 Uhr, die darüber informiert, dass ein Auto in eine Personengruppe gefahren sei. Ein Tatverdächtiger sei ermittelt, weitere gesicherte Informationen lägen noch nicht vor. Zum Täter kein Wort. Doch für viele steht im Netz zu diesem Zeitpunkt bereits fest, dass es sich um einen migrantischen Täter handeln muss – „dunkler Hauttyp“ das hätte schließlich die Polizei mitgeteilt. Die falsche Meldung wurde Tausende Male abgerufen, hundertfach geteilt.
Es folgen zwei Stunden der Ungewissheit für die Menschen in Mannheim, bevor die Polizei um 16.19 Uhr Entwarnung gibt: Es gebe keine Hinweise auf einen zweiten Täter und es bestehe keine Gefahr mehr für die Bevölkerung. In diesen zwei Stunden verlagert sich der Sturm aus Fake News von den sozialen Netzwerken hinein in Messengerdienste. Während viele Menschen vor ihren Smartphones sitzen und auf neue Erkenntnisse, Meldungen von Freunden und Angehörigen warten, die am Rosenmontag in der Innenstadt unterwegs waren, werden Sprachnachrichten herumgeschickt, die vorgeben, von Menschen zu stammen, die am Tatort sind.
„Der rennt jetzt gerade hier rum mit ’ner Waffe und schießt die Leute ab“, sagt eine Frauenstimme. Sie berichtet, sie befinde sich vor Ort, habe sich in ihr Auto gerettet. „Oh Gott, die Polizei hat gerade gesagt: Alle rein, alle rein, der rennt hier wie verrückt überall mit ’ner Waffe rum und schießt durch die Gegend.“ Doch was die vermeintliche Frau berichtet, geschieht in Mannheims Innenstadt nicht. In einer weiteren Sprachnachricht ist ein junger Mann zu hören: „Also das sind anscheinend mehrere, weil irgendwie in Ludwigshafen auf dem Rathausplatz wurden drei Leute erstochen. In Jungbusch sind zwei Leute, die rumballern, in Neckarau soll auch irgendwas sein. Dann gibt es den, der nur gefahren ist. Das ist auf jeden Fall ’ne ganze Truppe. Das ist nicht nur einer.“
Spoiler
„Einer der gefassten Täter hat die Aussage getroffen, dass heute Mannheim ‚auseinander genommen‘ wird“, heißt es darin weiter. Zudem die Aufforderung, man solle nicht die Wohnungen verlassen in Ludwigshafen, Heidelberg, Mannheim und Umgebung. Auch Bilder werden verschickt. Eines zeigt angeblich einen Attentäter mit einem Gewehr, der in Ludwigshafen auf dem Rathaus-Center steht. Er ist bloß schemenhaft zu erkennen. Mit der Whatsapp-Malfunktion grün umkringelt.
Ein Ausweisdokument wird geteilt
Das Bild zeigt tatsächlich das halb abgerissene Rathaus-Center in der Mannheimer Nachbarstadt. Das Bild scheint zudem aktuell zu sein, da sich das Rathaus-Center zurzeit im Abriss befindet und den aktuellen Baustand zeigt. Jedoch scheint es sich bei der Person, die über Whatsapp als Attentäter markiert wurde, um einen Bauarbeiter zu handeln. Zu keiner Zeit befand sich der Amokfahrer von Mannheim auf dem Rathaus-Center in Ludwigshafen. Zu keiner Zeit hielten sich bewaffnete Attentäter im Shoppingcenter auf. All das sind Falschinformation, die die verängstigten Menschen vor den Handybildschirmen erreichen, die auf offizielle Nachrichten warteten – und zum Teil davon ausgingen, tatsächlich mit Informationen von der Polizei versorgt zu werden.
Um Punkt 18 Uhr veröffentlicht die Polizei eine weitere Pressemitteilung zusammen mit der Staatsanwaltschaft und dem Landeskriminalamt. Darin berichtet sie nicht nur von dem Tathergang in der Innenstadt, der Zahl der Todesopfer und Verletzten, sondern macht Angaben zum Täter. Die Polizei habe einen „40-jährigen deutschen Tatverdächtigen aus Rheinland-Pfalz“ festgenommen. Doch auch diese Information setzte den Spekulationen und Fake News im Netz kein Ende.
Kurze Zeit darauf verbreitete sich das Foto eines deutschen Personalausweises, der angeblich dem gefassten Täter abgenommen wurde. Hineinmontiert ist das Foto des Ausweisdokuments in einen Screenshot der Nachrichtenseite „Focus Online“. Das Magazin hatte in Wirklichkeit aber nie darüber berichtet. Das Dokument weist einen Mann namens Hajj Ali Ayman aus, geboren in Heidelberg. Ein Deutscher mit Migrationshintergrund – für viele Netzdetektive passt das zur vermeintlichen Täterbeschreibung der Polizei. Doch das Foto des Ausweises zeigt nicht den Täter Alexander S., noch wurde der Ausweis bei der Verhaftung sichergestellt. Es ist ein Fake, der gezeigte Mann hat nichts mit dem Anschlag zu tun.