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Das Gefühl der Anerkennung, wenn einem die Gefühle der Menschen zufliegen, die Bewunderung, ja das kenne ich als Bühnenmensch auch. Das kann bei manchen wie eine Droge wirken. Es gibt dir Schübe von Adrenalin, Glücksgefühle, Hochgefühle also. Du siehst dich auf den richtigen Weg, hast etwas so gut gemacht, wie es andere nicht können und worum sie dich beneiden. Wenn du dann im Kopp auch noch verdreht bist, schiebt es dich halt auch hin zu einem bestimmten Publikum. Und dann entsteht da eine Wechselwirkung – du sprichst bestimmtes Publikum an, ziehst es an, und es zieht dich an. Wenn du irgendwann so weit bist, dass dir die Synapsen nach und nach absterben und deine Intelligenz ohnehin schon nur auf recht niedrigem Niveau rangierte, dann landest du in den Kreisen derer, die genau so dämlich sind wie du selbst. Aber das merkste dann irgendwann nicht mehr. Du brauchst dieses Glücksgefühl der Bewunderung durch andere, auch oder gerade, weil die so bekloppt sind wie du selbst. Man ist Gemeinschaft. Man ist Freund aller. Die Bestätigung, von der du zehrst, findest du nicht nur, wenn du singst, eine Rolle spielst, sondern auch auf der Straße, wie sie dich anhimmeln und dir jederzeit bestätigen, dass du und sie zusammen gehören, eins sind, einig sind. Sie trotteln hinter dir her, hängen an deinen Lippen. Du hast das Gefühl, ganz kluge Sachen zu sagen und man klatscht dir dafür Beifall. Das gibt dir Stärke.
Aber da sind ja auch die anderen, die Kritischen. Jene, die sich an den Kopf tippen, wenn du dein dummes Mundwerk auf machst und ♥♥♥ laberst. Jene, die dir zu verstehen geben, dass du eigentlich in einer Geschlossenen besser aufgehoben wärst. Jene, die dir jeden Tag aufzeigen, dass du ein dummer Schwurbler, Lügner und ♥♥♥ischer Extremist, Faschist und/oder Antisemit bist und es gar nicht mehr merkst. Die Gegner, die dir Argumente entgegen schleudern, an denen du scheiterst weil du dumm und ideologisch bereits komplett verbohrt und verbrettert bist.
Das schweißt dich mit den anderen Deppen, die dir folgen, zusammen. Die sind dann deine Zuflucht. Die reden noch mit dir, während die Kritiker dir nur noch den Vogel zeigen und in dir einen intellektuell und moralisch verrotteten Deppen sehen. Bei deinen Freunden holst du dir deinen täglichen Schuss ab, deine Dosis, die du zum Leben brauchst und die dir suggeriert, dass du noch wer bist und deine Gegner falsch liegen.
Jedes Dorf hat seine Deppen. Früher hat man sich am Freitag nach der Arbeit in der Kneipe getroffen, hat sich einen hinter die Binde gekippt und lallend über Leben und Politik schwadroniert. Der Depp hat seine übliche Portion Dummheit und geistigen Dünnschiss nach sechs Schnäpsen und zwischen Bier Nr. 12 und Nr. 18 rausgerülpst. Dann haben alle über ihn gelacht und sich auf die Schenkel geklopft, und am nächsten Tag ging das Gerede über den Deppen im Dorf rum. Dann hat er wieder für einige Tage Ruhe gegeben weil er noch gemerkt hat, wie sie ihn alle für einen Deppen halten.
Heute trifft man sich im Internet, in Blasen. Das sind die neuen Dorfkneipen. Da kommen sie alle zusammen, die Dorfdeppen. Jede Deppengruppe hat ihre eigene Kneipe, in der nur sie Zutritt hat. Das funktioniert ganz ordentlich. Aber es fehlt etwas: das G'fühlige. Die Wärme. Schließlich möchte man auch mal umarmt werden, spüren, wie sie einen anschauen und anhimmeln. Also gibt so ein Depp, wenn er einigermaßen was kann, Konzerte und lässt sich auf Demos blicken. Kinder mag jeder. Kinder sind toll. Kinder lassen sich wunderbar instrumentalisieren, wenn man ein g'fühliges Thema braucht. Also kämpft man für die Kinder, die Schwachen, die Lieben.
Im Grunde geht es diesen verfluchten Heuchlern, Lügnern und Dummschwaflern aber nur um sich selbst. Um Bestätigung für ihr verkommenes Ego.