Durch ein Gebiet in der Mitte Europas zieht nunmal alles mögliche durch.
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Nicht alles daran ist für Fachleute überraschend. Das überkommene Bild, nach dem am Ende der Antike ganze Völkerscharen in Bewegung waren, um die von den Römern geräumten und nun fast menschenleeren Landstriche Mitteleuropas zu besiedeln, ist längst überholt. Menschen aus dem Norden lebten lange vor Roms Kollaps auf römischem Gebiet. Einige waren etwa als Söldner angeworben und mit Ländereien belohnt worden; andere waren zum Beispiel Landarbeiter auf Gütern römischer Grundbesitzer.
Reihengräberfelder sind kein germanischer Kulturimport: Im Norden wurden die Toten meist verbrannt
Bekannt ist auch, dass in Reihengräberfeldern keine homogenen Gruppen von Zuwanderern liegen, wie ursprünglich vermutet. Diese Friedhöfe – mit parallel zueinander bestatteten Körpern, Kopf nach Westen, Blick nach Osten, oft gibt es auch Beigaben – entstanden zwar erst in der Spätantike. Doch Untersuchungen zeigten, dass die Toten unterschiedlicher Herkunft sind. Und weil die Menschen im Norden ihre Toten meist verbrannten, können Reihengräberfelder schwerlich ein germanischer Kulturimport sein. Sie sind eher eine Weiterentwicklung römischer Bräuche.
Doch wenn es keine Zuwanderergruppen waren, wer lag dann in diesen Gräbern? Dieser Frage nähert sich die Gruppe um Burger. Sie hat das Erbgut von 258 Toten aus Reihengräberfeldern an der früheren Nordgrenze des römischen Reiches analysiert, mit Schwerpunkten auf Weilheim und Altheim in Altbayern sowie auf Büttelborn bei Darmstadt in Hessen und Mömlingen in Unterfranken. Das Erbgut von dort verglich die Gruppe mit knapp 2900 weiteren alten und modernen Genomen und wertete alles mit einer statistischen Methode aus, die aus vielen unsicheren Daten brauchbare Angaben generieren soll: Aus archäologischen Befunden, aus Schätzungen des Lebensalters anhand der Knochen, aus Radiokarbon-Datierungen und dem Erbgut ermittelt sie die wahrscheinlichen Geburts- und Sterbedaten von Individuen einer ganzen Gruppe. Darüber hinaus gibt sie Hinweise auf Familienstrukturen.
Diese Methode sei eine tolle Neuerung, sagt der Populationsgenetiker Stephan Schiffels vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der an der Studie nicht beteiligt war. Er habe selbst bereits mit einem ähnlichen Ansatz gearbeitet, aber in kleinerem Maßstab. Der Ansatz sei vielversprechend und die Umsetzung robust.
Bei ihrer Analyse konzentriert sich das Team um Burger auf die Region um Altheim. Dort gab es demnach im frühen fünften Jahrhundert zwei genetisch unterscheidbare Gruppen. In Stützpunkten des römischen Militärs wie dem Kastell Azlburg im heutigen Straubing lebten Menschen aus verschiedensten Grenzregionen des Reiches. In Altheim bei Landshut dagegen lebte eine ländliche Gemeinschaft aus wenigen Dutzend Menschen, die aus dem Norden stammten, aber selbst meist keine Migranten mehr waren: Strontium-Isotopendaten aus ihren Zähnen zufolge waren die meisten in der Region aufgewachsen. Ihre Vorfahren waren in kleinen Gruppen zugewandert; die nähere Verwandtschaft lebte weit entfernt.
Diese Gruppen vermischten sich zunächst nicht – unklar ist, ob sie nicht wollten, oder ob sie wegen römischer Heiratsbeschränkungen nicht durften. Doch ab etwa 470 nach Christus muss die Bevölkerungszahl im ländlichen Altheim gestiegen sein, zumindest wurde das Reihengräberfeld intensiver belegt. Und in den neuen Gräbern lagen nun auch Menschen wie jene aus dem Kastell Azlburg. Burger vermutet, dass die Ordnung zusammenbrach und die Menschen aus den Militärlagern aufs Land zogen, um sich zu ernähren. Sicher ist: Tote beider Gruppen liegen nun friedlich nebeneinander, und die Genome zeigen, dass sich die Gruppen rasch vermischten.
Mit der Zeit sei dann der genetische Einfluss aus dem Norden stärker geworden, vermutlich seien aus der Umgebung weitere Menschen mit entsprechenden Wurzeln dazugestoßen, meint Burger. Bis ins siebte Jahrhundert sei eine Bevölkerung entstanden, die genetisch derjenigen im heutigen Mitteleuropa stark ähnele.
Offen ist, ob dieses Muster überregional gilt. Man habe sich auf Altheim konzentriert, weil es in anderen Gräberfeldern häufig keine Toten aus der Zeit vor 470 gebe, sagt Burger. „Aber in den anderen Gräberfeldern sehen wir ein ähnliches Ergebnis. Deshalb glauben wir, dass es dort ähnlich gewesen ist.“
Die Menschen lebten monogam, bekamen früh Kinder, arbeiteten viel und starben früh
Aus den Daten leitet das Team um Burger auch ab, wie es den Menschen ergangen ist. Die Kindersterblichkeit war demnach hoch. Die Lebenserwartung lag bei etwa 43 Jahren für Männer und gut 40 Jahren für Frauen; der Unterschied erklärt sich damit, dass viele Frauen im Kindbett starben. „Die Menschen bekamen früh Kinder, arbeiteten viel und starben früh“, fasst Burger zusammen. Vier Fünftel aller Neugeborenen hatten jedoch laut der neuen Studie noch zumindest ein Großelternteil. Später, im Alter von zehn Jahren, hatte jedes vierte Kind mindestens ein Elternteil verloren. 2,5 Prozent waren Vollwaisen.
Diese Angaben wirken sehr exakt, vielleicht zu sehr. Stephan Schiffels sieht sie mit Skepsis. Dafür seien die ermittelten Wahrscheinlichkeiten eigentlich zu unscharf, sagt er. Und er sei sich unsicher, ob man aus ihnen wirklich auf Bevölkerungsanteile schließen könne, sagt er. Im Grunde könne man nur sagen, dass ein zehnjähriges Kind mit 2,5-prozentiger Wahrscheinlichkeit Vollwaise war.
Die Analyse in Nature gibt auch Einblick in das damalige Fortpflanzungsverhalten. Die Menschen lebten demnach monogam. Die Forscher fanden trotz der kleinen Gruppengröße keinen Fall von Inzest. Den Grabpositionen nach zu schließen, wurden Familien mehrheitlich, aber nicht immer über die Manneslinie fortgeführt: Frauen lagen tendenziell bei den Verwandten ihres Partners. Und nach dem Tod eines Partners bekamen die Hinterbliebenen nur selten Kinder mit anderen.
Woher diese Gepflogenheiten stammten, ist schwer zu sagen, denn welche Fortpflanzungssitten einst im Norden herrschten, ist unbekannt. Doch das Modell, das sich in den Gräbern zeigt, passe jedenfalls gut zu Bräuchen aus dem späten römischen Reich, meint Burger. Vielleicht war das ein Erfolgsrezept: Dass die beiden Gruppen so schnell untereinander heirateten, weise darauf hin, dass sie einen kulturellen Hintergrund teilten. Burger mutmaßt: „Dieses verbindende Band kann nur die spätrömische Kultur gewesen sein.“