Autor Thema: Sächsische Verhältnisse und ungelöste Probleme  (Gelesen 17009 mal)

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Online Rabenaas

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@Rabenaas: das heikelste Tabuthema ist die Stasi.
Obwohl Wessi, habe ich genug Hintergrundkenntnisse, um zu wissen, daß die Behauptungen der Ostverwandtschaft, dort nicht aktiv gewesen zu sein, erlogene Verdrängung ist.

Da verkehren wir wohl in verschiedenen Kreisen. Ich kenne da eher die Leute, die bespitzelt und drangsaliert wurden. Einer gab mir mal seine kopierte Stasiakte, war eine hochinteressante und bedrückende Lektüre. Die hat buchstäblich Alles interessiert. Ich kenne aber auch einen Fall, wo ein junges Mädchen ihre beste Freundin bespitzeln mußte - als Preis für einen Studienplatz. Sonst hätte sie in der LPG Schweine füttern dürfen... kann man die verurteilen? Ihre Berichte waren dann auch vollkommen harmlos, die beiden Frauen sind noch heute befreundet.

Zu dem Thema könnte ich sehr viel schreiben, ich hatte in anderen Zusammenhängen sowohl mit früheren hauptamtlichen MfS-Bediensteten und IM als auch mit deren Kontrahenten (um nicht zu sagen Opfern) zu tun. Aber das würde hier wohl zu weit führen.
Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!
 
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Offline R. Kimble

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das Thema "Stasi in der Familie"  gab es auch bei mir:
Mitte der 80iger waren wir zu einem Familienfest in der Nähe von Leipzig eingeladen. Nach dem Essen nimmt mich (der Westbesuch) mein Großvater aus Leipzig zur Seite und warnt mich vor seiner Tochter aus Hoyerswerda: Vorsicht! nicht so viel erzählen, die Tochter (meine Tante) ist bei der Stasi. Nach dem Kaffee trinken nimmt mich meine Tante zur Seite und warnt mich vor ihrem Vater: Vorsicht! nüscht so viel erzählen, der Vater (mein Opa) ist bei der Stasi.
Was war das für ein Staatsgebilde, bei dem sich Vater und Tochter gegenseitig verdächtigen? Mich hat dieser Vorfall noch viele Jahre beschäftigt. Damals wurde mir schlagartig bewusst, was es bedeutet in einem freiem Land zu leben.
 
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Offline Goliath

Mir ist sowas nie passiert auch nicht Verdächtigungen. Aufgehorcht habe ich nur einmal nach der Wende als ein Schüler aus der Parallelklasse mir in der S-Bahn reichlich deprimiert unterbreitete, daß er jetzt keine Zukunft mehr habe da er nicht mehr bei der Staatssicherheit anfangen könne.
 

Online Rabenaas

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Eiegentlich wollte ich zu diesem Thema nichts mehr schreiben. Aber das Buch "Vater, Mutter, Stasi: Mein Leben im Netz des Überwachungsstaates" von Angela Marquardt muß ich doch noch empfehlen. Auch wenn oder gerade weil es zum Kotzen ist.
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Offline Grashalm

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Also wenn es um "Geschichten aus der DDR" geht höre ich meist in der Familie wie toll alles war und wie viel besser es war als in der BRD. Generel soll heutzutage viel über die DDR gelogen werden.

 
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Offline Wildente

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Entschuldigt den Kalauer, aber Miss Wirtschaft gab es auch.

In unseren Kreisen war das Lästern über die Miss Bildung üblich, die Dame mit den blauen Haaren. ;)
Wir Reichsbürger erklären hiermit einstimmig,
daß es uns nicht gibt, und zeichnen hochachtungsvoll:
Die vereinigten Reichsbürger der Erde. -
(frei nach Christian Morgenstern)
 
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Offline mork77

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Die Tatsache, dass die Ex-DDR-Bevölkerung weniger Berührungsängste mit radikalen, antidemokratischen Parteien hat, hat Seine Ursachen wohl auch im Selbstverständnis beider deutscher Staaten.

In der DDR fand ja eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nie wirklich statt, es sei denn, es ging um "Antifaschisten", wobei auch hier Unterschiede gemacht wurden. Ansonsten war die DDR neu, alle 16 Millionen waren quasi mit Ulbricht 1945 von Moskau eingeflogen worden, und die ganzen Nazis sassen im Westen.  Die BRD war der faschistische Nachfolgestaat und verantwortlich für die Kriegsverbrechen ( sagte die BRD ja selber).
Die DDR war rassistisch ( wenn man das auch durch die "sozialistischen Bruderländer" übertünchte) und antisemitisch ( getarnt als antiisraelisch oder "Solidarität mit der palästinensischen Sache"). Kurz, die im dritten Reich anerzogenen Reflexe waren nach wie vor ok. Nur die Bezeichnung hatte sich geändert. Diktatur hatte man auch, also alles wie gehabt, nur mit anderer Flagge und der Sowjetunion als grossem Bruder! Nur als die NVA mit in der Tschechoslovakei einmarschieren wollte ( die SED-Führung wollte mitmachen) hatten die Russen einen lichten Moment und sagten dankend nein. Das war dann doch unangenehm. Die DDR-Führung hatte damit offensichtlich keine Probleme.

Im Westen kam mit den 68ern die Wende. Da hatte man in den 50ern gesagt, war nicht gut, kleben wir die Tagebücher zu und vergessen das. die 68er machten die Bücher wieder auf. Man war gezwungen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung hat die Bundesrepublik entscheidend geprägt und ie Bevölkerung zumindest in grossen Teilen etwas empfindlicher gemacht für extreme Rattenfänger.

Was waren die letzten Worte des russischen Dichters Majakowski vor seinem Selbstmord 1930? "Genossen, bitte nicht schiessen!"
 

Offline A.R.Schkrampe

Also wenn es um "Geschichten aus der DDR" geht höre ich meist in der Familie wie toll alles war und wie viel besser es war als in der BRD. Generel soll heutzutage viel über die DDR gelogen werden.

Mit dem ersten Satz bestätigst du den zweiten.
 
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Offline hair mess

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Das Stilmittel nennt man Verstärkung.
In Richtung correctio, tautologie.
« Letzte Änderung: 20. Februar 2019, 14:13:47 von hair mess »
Fällt Dir nur Unsinn ein und immer,
erzähle nichts, sonst wird es schlimmer.
 

Offline A.R.Schkrampe

Ich hab eeher so das Gefühl, dass das Osssi-Wessi-Thema bei den Wessis gerade kein Thema (mehr) ist, während es noch genug Ossis gibt, die sich bei der Wende zu kurz gekommen fühlen und das Thema daher weiter auf dem Zettel haben. Der Wessi merkt das gar nicht und der Ossi fühlt sich bestätigt.
...

Dazu fällt mir die Beobachtung auf unserem Usertreffen in Berlin vor 3 Jahren ein: die anwesenden strammen Alt-West-Berliner waren nicht richtig kapitelfest, was die Kenntnisse zur Grenzziehung anging. Um Klarheit zu schaffen, war mein 1976er Falk-Plan außerordentlich dienlich  :rtfm:

Der Häuserblock, in dem sich das SSL-Hauptquartier befindet, steht auf der Demarkationslinie. Diese führt unter dem Tisch entlang, an dem wir uns am Samstagsvormittag getroffen hatten. Im Parkett ist ein Streifen, der sie symbolisiert eingearbeitet.
 
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Offline Schreibtischtäter

Der gemeine Ossi ist nicht so leicht zu verstehen :)

Für die Frage nach politischer Orientierung ist wichtig,
- dass eine wirkliche Gewaltenteilung vor 1990 nicht existierte;
- fast die gesamte Verwaltung geschasst und durch "eingeflogene Kräfte" aus den alten BL ersetzt wurde (deren Netzwerke bis heute "einheimischen" Nachwuchs kleinhalten);
- demokratische Parteien überhaupt keine gewachsenen Strukturen inkl. der üblichen Ressourcen hatten (bis auf die PDS);
- keine Partei (ausser die Populisten, wozu in diesem Fall die PDS nicht zähle) den Menschen Erklärungen für die Brüche in den Lebensläufen geben konnte;
- das gewohnte wirtschaftliche Leben wegbrach, "alte" Qualifikationen ihren Wert verloren und es schlichtweg vorher keine "lenkung" hin zu individueller Flexibilität gab;
- das eigene politisch-historische Narrativ um 180 Grad gedreht wurde: Vom Bollwerk des Antifaschismus zum Unrechtsstaat (auch wenn jeder wusste, wie es um die offizielle Linie aussah, etwas blieb immer hängen).

Die Betrachtung der Bevölkerung mithilfe dieser Punkte macht schon nachdenklicher (wobei das den Dreck nicht entschuldigt, der da abgesondert wird). Mir kommt die jetzige AfDer-Generation eher wie eine "verlorene Generation" vor, die 1990 gerade ins Berufsleben kam, für das Verinnerlichen der DDR zu jung war, aber in der Bundesrepublik nie wirklich angekommen ist. Die die Aussagen von Kohl und Co glaubten, die dem Westfernsehen glaubten und gleichzeitig die Bevormundung durch den Oststaat kannten. Zusammen wird das eine echt verführerische Mischung: Die Obrigkeit sagt dir, was richtig und falsch ist, dafür bekommst du Farbfernseher BMW und Nutella. Der Absturz ist da vorprogrammiert....

Kann auch sein, dass ich komplett falsch liege.... aber es ist nur ein Diskussionsbeitrag.
 
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Online Rabenaas

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Tja. Die AfD hat aber auch im Westen Wahlerfolge.

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Online SchlafSchaf

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Aber lange nicht solche %-Zahlen wie im Osten.
Zudem gab es schon immer ein rechtes/rechts-konservatives Wöhlerpotential und die AfD hat es geschafft dies an sich zu ziehen
Ich kam
Ich sah
Ich vergaß was ich wollte
 

Online Rabenaas

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@SchlafSchaf: bei Landtagswahlen erzielte die AfD letztes Jahr in Hessen 13,1  %, in Bayern 10,2 %, 2016 in Deutsch-Südwescht 15,1 % und in Rheinland-Pfalz 12,6 %.

Deutlich weniger als bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Meck-Pomm 2016, aber auch deutlich mehr als in Sachsen oder Thüringen 2014 mit 9,7 bzw. 10,6 %.

So what?
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Online SchlafSchaf

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@Rabenaas

2014 war die Partei gerade mal 1 Jahr alt, aus dem Stand bei +/- 10% ist eine ziemliche Leistung.
Und die Partei hat erst ab 2015 richtig Fahrt aufgenommen

Zitat
Noch dramatischer stellt sich die Lage in der MDR-Hochrechnung nur für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt dar. In den drei Ländern kommt die CDU auf 27,7 Prozent, die SPD auf 12,6 Prozent, die Linke auf knapp 16 und die Grünen auf knapp vier Prozent. Und dann die AfD: Sie liegt in dieser Region mit knapp 25 Prozent rund zehn Prozentpunkte über ihrem bundesweiten Ergebnis.

https://www.nwzonline.de/politik/berlin-bundestagswahl-2017-afd-triumphiert-vor-allem-im-osten_a_32,0,3940270242.html
« Letzte Änderung: 20. Februar 2019, 16:43:51 von SchlafSchaf »
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