Meister Eder sieht sich durch die Epstein-Files bestätigt.
Düstere Vorwürfe vor Gericht
Reichsbürger-Prozess: Angeklagter sieht sich durch Fall Epstein bestätigt – grausige Theorie
Maximilian Eder, einst Stabschef einer Elite-Einheit in Calw, ist Angeklagter im Reichsbürger-Prozess um Prinz Reuß. Warum er sich durch den Fall Epstein in einer grausigen Theorie bestätigt sieht.
Spoiler
Maximilian Eder trägt einen Strickpullover und langes graues Haar. Dem schmalen 67-Jährigen sieht man nicht an, dass er einst Mitbegründer der Elitetruppe Kommando Spezialkräfte (KSK) in Calw war. Allein die schneidige Akkuratesse seines Vortrags verrät den langjährigen Soldaten.
Im Februar 2023 war Eder von Italien nach Deutschland ausgeliefert worden. Seither sitzt er in Untersuchungshaft als mutmaßliches Mitglied der sogenannten Reichsbürger-Gruppierung um Heinrich XIII. Prinz Reuß.
Seit Monaten im provisorischen Gerichtsgebäude
Laut Anklage sollen sie einen Staatsstreich geplant haben. Samt der Erstürmung des Bundestags.
Seit April 2024 laufen gegen 25 Angeklagte drei Prozesse vor den Oberlandesgerichten Frankfurt am Main, München und Stuttgart.
Maximilian Eder, Prinz Reuß und sieben weitere mutmaßliche Hauptverschwörer sitzen in einem provisorischen Gerichtsgebäude im Gewerbegebiet von Frankfurt-Sossenheim auf der Anklagebank.
Ex-Oberst Eder nutzt den Gerichtssaal für grausige Botschaften
Auch anderthalb Jahre nach Prozessauftakt geben sich die meisten Angeklagten wortkarg. Nicht so Maximilian Eder. Der Ex-Oberst, dem schon als Redner bei Corona-Protesten Sendungsbewusstsein attestiert wurde, sieht den Gerichtssaal zuweilen als Podium.
Es sind verstörende Botschaften, die der Angeklagte an diesem Mittwoch im Zeugenstand sendet. Eder hat zwei Laptops vor sich, zwischendurch blättert er in Papieren.
Keineswegs habe er im Sommer 2021 geplant, eine Bundestagssitzung mit Gewalt zu erstürmen. Vielmehr sei es darum gegangen, Politiker zur Rede zu stellen und ihre Verantwortung anzuprangern.
Gastgeberin genervt von chaotischem Ex-Oberst
Um seine Ziele zu verfolgen, übernachtete der Oberbayer zeitweise bei seiner Mitangeklagten Birgit Malsack-Winkemann in Berlin. Sie saß damals für die AfD im Bundestag.
Malsack-Winkemann führte Eder und weitere Beschuldigte tatsächlich durch den Reichstag. Doch bald zeigte sie sich schwer genervt von ihrem offenbar etwas chaotischen und trinkfreudigen Gast.
Chatverläufen zufolge beklagte die bei Karlsruhe aufgewachsene ehemalige Richterin, dass Haustürschlüssel fehlten und ein an Eder verliehenes Auto zeitweise unauffindbar war.
Im Zeugenstand tut Eder kritische Fragen des Vorsitzenden Richters Jürgen Bonk als nebensächlich ab. Wichtiger erscheint ihm die „Lanz“-Talkshow vom Vorabend, die er offenbar in Untersuchungshaft verfolgen konnte. Thema: die Epstein-Akten.
Das in der Sendung thematisierte Beziehungsgeflecht des Sexualverbrechers Jeffrey Epstein bis in höchste Kreise stellt Eder gewissermaßen als Beleg für seine eigenen Theorien dar.
Fall Epstein gibt Ahrtal-Gerüchten Nahrung
„Das alles war bisher nicht vorstellbar“, sagt Eder. Wenn die Epstein-Verwicklungen inzwischen bis ins norwegische Königshaus reichten, dann sei es auch möglich, dass sich die Sache mit den Kinderleichen im Ahrtal als wahr erweise.
Es handelt sich um eine inzwischen gründlich erforschte Verschwörungstheorie. Demnach sollen 2021 bei der Ahrtal-Flutkatastrophe 600 Babys und Kinder in unterirdischen Verliesen ertrunken sein. Ihre Leichen seien bei Ahrweiler angespült worden. Die Kinder seien zuvor in „Dumps“ (Deep Underground Military Bases) für den rituellen Missbrauch durch Politiker versteckt worden.
Gefälschtes n-tv-Posting streut falsche Opferzahl
Belege dafür gibt es nicht. Nachgewiesen ist allerdings, dass damals etwa ein Posting des Senders „n-tv“ manipuliert, um die Zahl 600 ergänzt und auf Social Media als vermeintlicher Beweis verbreitet wurde. Insgesamt starben bei der Ahrtal-Katastrophe 135 Menschen.
Die Wissenschaft spricht von einer Variation der antisemitischen QAnon-Verschwörungsideologie. Und hier schließt sich perfiderweise der Kreis zum Ahrtal – und zu Epstein.
QAnon wurde weltweit bekannt, nachdem am 4. Dezember 2016 ein 28-Jähriger mit einem Sturmgewehr in eine Washingtoner Pizzeria lief und um sich schoss.
Er wollte die „Pizzagate“-Verschwörung auffliegen lassen. Entgegen vieler Dementis der Behörden wollte er beweisen, dass im Keller Kinder gefoltert werden. Angeblich unter Beteiligung der damaligen US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Der Schütze musste allerdings feststellen: Die Pizzeria hatte gar keinen Keller.
Dass Hillary und Bill Clinton – denen keine Straftaten vorgeworfen werden – nun zu Epstein im US-Kongress aussagen sollen, stimuliert den Angeklagten. „All diese Dinge werden jetzt ausgegraben. Was bei Epstein geglückt ist, war mir leider nicht vergönnt“, sagt der inhaftierte Ex-Oberst und streicht sich durchs lange Haar.
Ob Eder an den kommenden Prozesstagen weitere Aussagen machen wird, blieb zunächst offen. Klar ist: Die drei Reichsbürger-Prozesse zur Gruppe Reuß sind längst nicht abgeschlossen. Prozesstermine sind bis ins Jahr 2027 angesetzt.
https://bnn.de/mittelbaden/ortenau/reichsbuerger-prozess-angeklagter-sieht-sich-durch-fall-epstein-bestaetigt-grausige-theorie (paywall)